„Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.” – Philipper 3, 12

Heute haben wir beim Chortreffen einen Choral mit einem Text von Rainer Maria Rilke gesungen. Das ursprüngliche Gedicht (Ich lebe mein Leben):

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.”

Während ich in Deutschland lebte und mich neben Philosophie auch mit Lyrik beschäftigte‚ begann ich mich für diesen Dichter zu interessieren․ Dieses Jahr jährt sich sein Tod zum hundertsten Mal․ Heute bin ich zufällig auf dieses Gedicht gestoßen‚ als hätte es auf mich gewartet․ Eine Frage beschäftigt mich seit Tagen und Nächten‚ in denen ich nicht schlafen kann: „Wozu lebe ich?“ (Die Predigt am Sonntag wird rund um diese Frage vieles aussagen.)

Rilke schreibt wahrhaftig über das Menschsein․ Wir bewegen uns in Kreisen․ Mit jedem neuen Wissen‚ jedem tieferen Verständnis und jeder Erfahrung werden diese Kreise weiter․ Eine Sehnsucht bleibt․ Jahrtausendelang kreist das „dichterische Ego“ um Gott‚ „um den uralten Turm“‚ ohne zu wissen‚ was er wirklich (selbst) ist = ein Falke‚ ein Sturm oder ein großer Gesang!?

Das ist ein schönes aber irgendwie beunruhigendes Bild․ Man dreht sich im Kreis und kommt nie ans Ziel․

In schlaflosen Nächten habe ich wieder zu Wilhelm Buschs Buch „Jesus unser Schicksal“ gegriffen․ Ich habe es schon als Student und als Vikar gelesen․ Jetzt lese ich es wieder․ Busch beschreibt mit dem Bild eines dichten Nebels‚ wie Menschen versuchen‚ Gott zu finden․ Gott ist hinter dem Nebel verborgen‚ und wer im Nebel umherirrt‚ um ihn zu finden‚ kommt nicht ans Ziel․ Am Ende aber durchbricht Gott den Nebel und begegnet uns in Jesus․

Das ist der Unterschied zwischen dem Gedicht und dem Evangelium․ Rilke geht um den Turm herum․ Aber der Turm steht nicht still․ Gott kommt hervor und geht auf den Menschen zu‚ der um den Turm herumgeht․ Versteht ihr? Gott kommt heraus und geht auf den Kreisenden zu!!!

Auch Paulus weiß wie es ist‚ immer wieder im Kreis zu laufen․ Er schreibt:‌ „Nicht‚ dass ich’s schon ergriffen habe․“ Wie wir hat auch Paulus das Ziel des Laufes noch nicht erreicht․‌ Trotzdem läuft‌ er nicht blind․ Er läuft weil Christus bereits von ihm Besitz‌ ergriffen hat․ Unser ewiges Schicksal hängt nicht davon ab‚ ob wir den Lauf zu Ende‌ bringen‚ sondern davon‚ ob Christus bereits von uns Besitz ergriffen hat․

In seinem Buch schildert Busch einen Mann‚ der innere‌ Zerrissenheit‌ und Dunkelheit aus eigener Erfahrung kannte: John Bunyan․ Bunyan wurde 1628 in England geboren‌ und starb‌ 1688․ Seinen Lebensunterhalt verdiente er als‌ Handwerker ohne höhere Bildung․ Nach‌ einer Zeit innerer Zerrissenheit wandte er sich dem Christentum zu und‌ wurde Laienprediger‚ allerdings ohne offizielle Anerkennung․ Weil er‌ ohne Genehmigung der Staatskirche‌ predigte‚ saß er etwa zwölf Jahre lang im Gefängnis․ Dort schrieb er ein Buch: „Die Pilgerreise“ ․ Busch‌ beschreibt‌ Bunyan in seinem Buch wie folgt und ich zitiere:

„Im‌ 17․‌ Jahrhundert lebte‌ in England ein Mann‌ namens Bunyan․ Dieser Bunyan wurde‌ um seines Glaubens willen jahrelang‌ ins Gefängnis gesperrt․ Das hat’s‌ zu allen Zeiten‌ gegeben․ Neben‌ dem Worte Gottes sind Gefängnisse das‌ Stabilste‚ was es in der Menschheit gibt․ Und da im‌ Gefängnis hat‌ dieser Bunyan ein wunderschönes Buch geschrieben‚ das heute noch aktuell ist․ Da schildert‌ er das Leben‌ eines Christen wie eine ganz gefährliche‚ abenteuerliche Wanderung․ Das fängt so‌ an: Da lebt‌ einer in der Stadt Welt․ Auf einmal wird er‌ unruhig und‌ sagt etwa so: ›Es stimmt hier nicht․ Ich bin‌ friedelos․‌ Ich‌ bin unglücklich․‌ Ich‌ müsste‌ hier raus․‹ Er redet‌ mit seiner Frau․‌ Die‌ erklärt ihm:‌ ›Du bist nervös․ Du‌ brauchst Erholung․‹‌ Aber das hilft‌ ihm‌ alles nichts․ Die‌ Unruhe bleibt․‌ Und‌ eines Tages‌ merkt er: ›Es hilft nichts․ Ich‌ muss‌ raus aus dieser Stadt!‹ Und dann‌ flieht er․‌ Als er‌ loswandert‚‌ merkt er‚ dass er eine Last auf dem Buckel hat․ Er will sie abtun‚ aber er‌ wird sie nicht‌ los․ Je‌ weiter er wandert‚ desto schwerer wird sie․‌ Bisher‌ hatte er die‌ Last nicht so gespürt․ Sie‌ war‌ selbstverständlich․ Aber‌ als er sich entfernt von der Stadt Welt‚ wird die Last immer‌ größer․ Schließlich kann er kaum‌ mehr‌ weiter․ Und dann geht er‌ mühselig einen Pfad im Gebirge hoch․‌ Er‌ kann nicht‌ mehr mit der Last․ Da‌ kommt er um eine‌ Wegbiegung‚ und vor ihm taucht ein Kreuzesbild auf․ Beinahe‌ bewusstlos sinkt er vor dem Kreuz nieder‚ hält sich daran fest‌ und blickt daran empor․ Im‌ selben Augenblick spürt er‚ wie die Last sich löst und polternd in den‌ Abgrund stürzt․“ – Wilhelm Busch‚ Jesus unser Schicksal

Vielleicht ist meine Schlaflosigkeit nicht einfach ein Problem das gelöst werden muss. Vielleicht bietet sie mir die Gelegenheit, meine Kräfte nicht länger ziellos zu vergeuden, sondern dem Kreuz zu folgen!!!

Ich spüre die Masken mancher Mitmenschen, die mich ablehnen. Ich spüre die Müdigkeit in meinem Körper und in meiner Seele. Ich spüre dass es Tage gibt, an denen ich mich von Gott entferne, und Tage, an denen ich ihm näher bin. Ich habe Angst, nicht genug zu leisten, und manchmal spüre ich, dass ich nicht mehr kann. Ich frage mich, ob ich das Richtige tue und denke, und wie ich es besser machen kann.

Ist das auch eine Last, oder was genau? Und vielleicht will die Unruhe meiner Nächte mir genau das zeigen: Ich muss sie nicht weiterschleppen. Am Kreuz darf ich sie ablegen, die Müdigkeit, das Urteil der anderen und auch die Angst, nicht genug zu sein. Augustinus hat es so gesagt: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“

In seinen dunkelsten Stunden im Gefängnis machte Busch folgende Erfahrung die er so beschreibt: „Ich brauche einen‚ dessen Hand ich halten kann!!!!“

Das ist die Antwort auf Rilkes offene Frage․ Vielleicht weiß ich nicht ob ich ein Falke‚ ein Sturm oder ein Lied bin․ Aber ich weiß‚ wem ich gehöre․

In einem anderen Werk schreibt Busch darüber wie man morgens nach dem Aufwachen betet: „Herr‚ ich danke dir‚ daß ich dein Kind bin!!!“

Was ist mein Lebensziel? Nicht den letzten Ring aus eigener Kraft zu vollenden‚ sondern ein Kind Gottes zu werden‚ geborgen in Jesus Christus․ Vielleicht entsteht daraus großartige Musik․.. ein großer Gesang! Keine die ich, du oder wir selbst komponiert haben‚ sondern Musik‚ die ER komponiert und die in meinem Leben, in deinem Leben, in unserem Leben aufgeführt wird = so wie ein Choral von unserem Familienchor gesungen wird․

„Ich werde mich in Frieden niederlegen und schlafen; denn du allein, Herr, läßt mich sicher wohnen.“ – Psalm 4‚9


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